TU WIEN * INSTITUT FÜR RAUMGESTALTUNG

STUDIO RAUMGESTALTUNG * LVA 256.007 VO / 256.008 UE * WS 1995/96

AO.UNIV.PROF.DR. BOB MARTENS


W O R K O U T

Vom Modell zur inszenierten Realität
 
 

Der Raum in der Architektur wird all zu oft als das "verbleibende Nichts" aufgefaßt. Und doch bildet dieses "Nichts" die Essenz der Architektur:
 
 

Archi= ur..., erst..., haupt... Tektur= ...erfinden, ...hervorbringen, ...verfestigen
 
 

Die Umschließung des "Nichts" wird einerseits durch eine Additionbaulicher Elemente und deren Konstellation zueinander gebildet, andererseits durch die Aushöhlung eines Volumens und der damit verbleibenden Umschließung definiert. Die Begrenzungen und deren (Umraum-) Gestalt bzw. Oberflächenqualitäten bestimmen letztlich die räumliche Qualität weitgehend mit.
 
 

Aufgabenstellung Übungsphase 1: Das "work out"

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Als Ausgangspunkt für das Studio Raumgestaltung im Raumlabor fungiert eine kubische Tonmasse mit den Abmessungen 17x17x17 cm. Der Würfel kann als die artifizielle Form schlechthin verstanden werden; dementgegengesetzt steht das natürliche Material Ton, welches auch die mehrmalige Herstellung bzw. Zerstörung eines Arbeitsmodells ohne Materialverlust gestattet.

Um den "Raum" freisetzen zu können, muß die würfelförmige Masse zerlegt bzw. zersetzt und gegebenenfalls wieder aneinander gefügt werden. Von elementarer Bedeutung ist dabei die Beziehung der neugeschaffenen Elemente zueinander, sowie deren Proportionen und Dimensionen. Ziel dieser ersten Arbeitsphase ist die Erarbeitung einer räumlichen Komposition, einschließlich erster Überlegungen zu deren Sinngebung. Die Verwendung von Zusatzmaterialien, wie auch der Einsatz von Farbe ist zulässig. Das Ergebnis wird über einer Grundplatte mit den Abmessungen 33x50 cm (Plattenhöhe frei wählbar) positioniert.
 
 

Aufgabenstellung Übungsphase 2: Transformation

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Die Tonskulptur aus Phase 1 wird nun in ein Architekturmodell im Maßstab 1:20 transformiert. Das heißt, daß zum einen die Frage nach dem "Sinn und Zweck" konkret zu beantworten ist und darüberhinaus die einzelnen (abstrakten) Tonteile in (reale) Architekturelemente zu verwandeln sind. Diese Architekturelemente sind mit Oberflächen zu versehen und konstruktiv zu detaillieren. Es sind darüberhinaus Modellbaumaterialien zu wählen, welche im besonderen der erwünschten Gestalt dienlich sind. In Anbetracht der späteren Positionierung im Raumlabor ist eine Entscheidung zur Ausrichtung innerhalb des Experimentalbereichs zu treffen (maximale Abmessungen 6.60 x 9.00 m).

Ergänzend zum Modell 1:20 wird die Transformation auf Papier abgebildet bzw. dokumentiert (Format max A2). Die Darstellung kann sowohl als Zeichnung bzw. als Collage oder als Computerprint erfolgen. Die Modelle werden auf endoskopische Weise betrachtet und fotografiert. Die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten wird hiebei erste Erkenntnisse für die dritte Arbeitsphase herbeiführen.
 
 

Aufgabenstellung Übungsphase 3: Inszenierte Realität

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Im Rahmen der dritten und letzten Phase erfolgt die Auseinandersetzung im Maßstab 1:1 während einer zweitägigen Klausurarbeit. Die Umsetzung im Raumexperimentierlabor geschieht in Gruppenarbeit. Es wird, ähnlich wie dies bei Architekturwettbewerben der Fall ist, eine Auswahl aus sämtlichen Übungsbeiträgen (Phase 2) getroffen werden müssen, denn es kann innerhalb der Gruppe nur jeweils eine Simulation in wahrer Größe ausgeführt werden. Einen weiteren Schwerpunkt dieser Übungsphase stellt die praktische Auseinandersetzung mit Kunstlicht dar. Es wird somit die ursprünglich aus Ton geschaffene abstrakte Komposition in eine inszenierte Realität übergeführt.

Vorhandene Mittel sind u.a. Bausteine, Karton, Holz, Gerüststäbe und -knoten, Molinostoffe, Stahlseile und Leuchtmittel. Im Hinblick auf die Restriktionen bei den zur Verfügung stehenden Ressourcen (geringe Vorlaufzeit, kurze Arbeitszeit im Labor und beschränkte finanzielle Mittel) sind strategische Überlegungen anzustellen.
 
 

VOM MODELL ZUR INSZENIERTEN REALITÄT:

EIN RESUMEE
 
 

Erste Kontakte mit einer Entwurfsübung werfen für den Studierenden eine große Menge an Fragen auf, zumeist sind es jene die das Kopfzerbrechen vor Beurteilung und Prüfung evozieren. Fragen technischer Natur, Fragen zur Konstruktion und die große Frage nach dem richtigen Weg, oder besser formuliert dem erfolgversprechenden Weg. Wie und in welcher Form kann so ein Einstieg erfolgen, in eine Welt voller Fragen und einem noch viel weiteren Feld voller noch ungestellter und unbekannter Fragen, die jedoch früher oder später im Laufe eines Entwurfsprozesses ans Tageslicht gelangen. Einen möglichen Weg zeigt das Studio Raumgestaltung im Raumlabor auf. Dem Studierenden wird dabei das gesamte Spektrum beginnend bei der Ideenfindung über Planung in Modell und Zeichnung bis hin zur 1:1 Simulation vor Augen geführt. Im Durchlaufen der einzelnen Stationen sammelt er erste Erfahrungen und lernt im Laufe der unterschiedlichen Prozesse auch seine eigenen Fehler verstehen.
 
 

Als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung fungierte eine kubische Tonmasse, welche in einem dreistündigen ersten Arbeitschritt zu einer räumlichen Komposition bzw. Konfiguration zu verwandeln war. Das Material ließ zum einen auch Änderungen zu und hatte den im Vordergrund stehenden Vorteil, daß jeder Studierende die gleiche Ausgangsbasis hatte. Es galt aus der Masse Ton etwas zu machen, wie dies geschah, ob mittels einfacher Werkzeuge, oder ohne diese, oblag vollständig dem Einzelnen. Es wurden erste Kontakte mit Komposition, und Proportion ebenso, wie mit Realisierbarkeit und Sinnbelegung freier Gedanken geknüpft. Das erarbeitete Ergebnis wurde schließlich zeichnerisch festgehalten und in groben Zügen beschrieben. Die erste Phase der Ideenfindung sollte somit ad acta gelegt werden. Im nächstfolgenden Abschnitt waren die Ideen nun in Architektur, sprich Konstruktion, Oberfläche und Funktion umzusetzen. Das bauen eines Modells im Maßstab 1:20 stand hiebei im Vordergrund. Es waren Wege zu finden, Informationen in die Idee einfließen zu lassen und diese nun zu Realitäten mutierenden Gedanken mittels eines Anschauungsmodells zu erklären. Das beigefügte Blatt - ebenfalls im Maßstab 1:20 - sollte vor allem erläuternde Wirkung haben; Aspekte klären, welche im Modell auf Grund ihrer Kleinheit bzw. anderen Gründen schwer darzustellen waren.

Es entstanden, um nur einige wenige zu erwähnen, von der Taucherbasis auf tropischer Insel, über den Aussichtsposten für einen Ornithologen, etliche Tanzcafe's und diverse Ausstellungsräume bis hin zu Sakralräumen, Theaterräumen und Meditationsstrukturen. Die große Bandbreite und Vielfalt des Geschaffenen war zu erwarten, angesichts des rein plastisch formalen Einstieges. Doch sie stand primär nicht im Vordergrund. Mittelpunkt des Interesses war die Auseinandersetzung mit der Umsetzung einer ersten Idee bis hin zur planlich und modellbauerischen Umsetzung in Raumgestaltung. Der Vorgang des Erdenkens und Kreierens fand nun in einer dritten Phase seinen Abschluß. Ein Themenkreis der sich in einzelnen Gruppen häufiger zu finden war bzw. ein sich besonders zur Überprüfung eignendes Objekt wurde nun im Maßstab 1:1 umgestetzt und errichtet. Das tatsächliche Bauen sollte erneut eine Menge an Fragen aufwerfen und vielleicht vieles das nur allzuselbstverständlich schien erneut in Frage stellen. So errichtete jeweils eine Gruppe bestehend aus etwa 20 Studenten in einer zweitägigen Arbeitsphase eine 1:1-Raumsimulation zu den Themenkreisen: Rund um die Wand, Bar, Aufbahrungsraum, Sakralraum, Spielraum, Ausstellungsraum und ein 1:1 übersetztes Modell eines Minimalhauses. Das Arbeiten im Maßstab 1:1 ließ zum einen erneut entwurfsmäßige Überarbeitungen erwarten, forderte der Gruppe allerdings auch einiges an Organisatorik und Teamarbeit ab. Nicht immer lief die Arbeit in der Gruppe völlig reibungslos ab, die Vielzahl an Ideen mußte kanalisiert werden, um auch den Zeitplan einhalten zu können.
 
 

Einer der wesentlichen Arbeitschritte für den Studierenden der im Experimentalbereich Objekte im Realmaßstab errichtet, ist der Umgang mit dem künstlichen Licht. Ein Medium das planlich und im Modell zwar vermittelbar aber nur schwer greiflich wird. Der reale Umgang mit punktförmigen Halogenstrahlern, Glühbirnen und Leuchtstoffbeleuchtungen in unterschiedlichen Farbtempereraturen und Farbabstufungen repräsentierte dabei nicht nur einen spannenden Arbeitsvorgang, sondern ließ auch vermeintlich abschätzbare Auswirkungen oft völlig anders erscheinen. Die Arbeit wird in der Folge zum Experimentieren und Ausprobieren, man verwirft geplantes oder wandelt es ab am besten vor Ort in Form gemeinsamer Entscheidungen. Das gemeinsame Diskutieren verschiedenster Parameter und das Abwägen für und wider eine Idee läßt dabei in zunehmendem Maße ein gemeinsames Entwickeln von Projekten erkennen.
 
 

Gedanken zur Übungsphase 1

Am Anfang steht die Idee, der grundlegende Gedanke, oder einfach etwas mit dem man sich dezidierter auseinandersetzen möchte. Das Erschaffen und Kreieren eines Leitthemas aus einem Stück Ton. Plastisch formbare Masse, schneiden, Teile herauslösen, sie voneinander trennen, sie zueinander in Beziehung setzen. Raum bilden im Sinne von Raum begrenzen; ihn mit den Teilen einzäunen, ihn festhalten. Der Arbeitsprozess mit dem Material Ton ist ein rascher. Überlegungen werden umgesetzt oder nicht; die Methodik verlangt nach Entscheidungen, welche zwar nicht von Dauer sein müssen, jedoch selten wieder rückgängig gemacht werden. Das Arbeiten ist ein Schreiten nach vorne. Der Raum zwischen den Kubaturen ist stets präsent und sichtbar. Die Teile bilden eine Komposition, spielen ein Thema an, welches nach Kontrapunkten, Zäsuren, Weiterführungen oder Störelementen verlangt. Ein Thema ansprechen, das Thema umspielen, es mit Sinn im Sinne des Sinnlichen belegen. Letztlich Teile mit etwas assoziieren, Architekturen und Maßstäbe aus Kompositionen herauslesen.
 
 

Gedanken zur Übungsphase 2

 Die Abstraktion des Komponierten entfalten. Worin liegt Gewicht, wo ist Leichtigkeit, was ist von Bedeutung, was ist noch Symbol? Elemente einer Komposition die noch Codes sind, Informationen die zwar den Elementen innewohnen, aber noch auszuformulieren sind. Was trägt, was wird getragen und auf welche Art und Weise wird es getragen? Wie erhalten Elemente Oberflächen, wie werden diese konstruiert und wodurch erhalten sie Gestalt? Was ist transparent, transluzent oder einfach lichtundurchlässig? Besitzt die Wand Löcher, ist sie geschlitzt oder perforiert? Welche Stärke besitzen Elemente? Wo lagern sie auf, wie sind Schichten aus denen sich ein Element aufbaut zusammengesetzt? Welche Aussage macht der Raum, welchen Charakter hat er?
 
 

Gedanken zur Übungsphase 3

Die Arbeit geschieht nun nicht mehr außerhalb des Raumes, sondern im Raum selbst; das Umgrenzte wird abgeschritten und durchschritten. Der menschliche Körper löst den Meterstab ab. Raum wird nicht mehr betrachtet, sondern erlebt. Raum wird zum Ereignis, Raum wird zelebriert. Das Geschaffene feiern und es in Szene setzen. Licht wird faßbar, läßt sich tragen und positionieren, auf etwas richten oder gestattet es Objekte zu hinterleuchten. Materialien müssen getragen werden, montiert und gesichert werden. Eine Welt ohne Striche, nichts ist mehr zweidimensional, alles hat Farbe, Gewicht und Oberfläche, ist entweder glatt oder Rauh. Der geplante Raum wird Bühne, der Mensch Akteur.