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Der Versuch einer Hörsaal-Interpretation

Die im innerstädtischen Bereich angesiedelte Universität, erfüllt zumeist, was ihre architektonische Rolle anbelangt, eher die Funktion einer historischen Kulisse, denn offenes Forum für Diskussion und Wissensaustausch zu sein. Die Technische Universität am Karlsplatz scheint sich voll und ganz in dieses Bild zu fügen. Der Hörsaal, oftmals versteckt und nur dem eingeweihten Studenten zugänglich, bildet gleichsam das Zentrum, den Fokus, der Anlage heraus. Der Hörsaal ist Ziel und Ausgangspunkt jener zumeist labyrinthischen Gänge, welche ihn er- und umschließen. Hier findet der Unterricht statt, hier wird Wissen vermittelt, diskutiert und möglicherweise neues Wissen ersonnen.

Hörsaal 7 ist einer jener "alten" Säle, eines jener Relikte, die den Studierenden knapp vor der Jahrtausendwende unaufhörlich daran erinnern, daß das Studieren durchaus keine Erfindung unserer Tage ist. Die "großen Köpfe", welche die Technische Universität hervorbrachte, blicken von Künstlerhand modelliert, über die Hörerschaft hinweg in den baumbewachsenen Hof hinaus. Der Studierende nimmt Platz auf den hölzernen von unzähligen Spuren übersehenen Bänken. Taschenrechner und Computer geben sich ein Stelldichein - der Overheadprojektor wird justiert. Die Steuerungsanlage für die Beleuchtung erinnert zwar an eine Jules Verne-Verfilmung, vermag es aber dennoch nicht, das Licht derart zu dosieren, daß auch Solarrechner ihren Betrieb aufnehmen können. Nichts will so recht passen. Das Gefühl einen Zeitsprung durchgemacht zu haben, scheint sich wie von selbst aufzudrängen.

Mit Beschluß des Akademischen Senates vom 21.4.97 wird ein museumsreifes Stück Hörsaalgeschichte zum Schütte-Lihotzky-Saal umgewidmet. Nun ist es nicht so, daß hier nicht unterrichtet werden könnte, zweifellos kann man dem Vortragenden folgen und bei Bedarf auch einige Notizen tätigen. Zweifelsfrei läßt sich dem Raum auch ein gewisser, wenn auch musealer, Charme nicht absprechen, denoch die Zeit ist nicht spurlos an den Unterrichtsmodalitäten vorübergegangen. Diaprojektor, Videobeam und PC werden mehr und mehr zum festen Bestandteil des Unterrichtswerkzeuges. Die Videokonferenz möglicherweise zum unabdingbaren Bestandteil einer Welt in der "Kapazitäten" möglicherweise nur noch medial rekurrierbar sein werden. Erfordernisse,

welche ganz abgesehen von den derzeit herrschenden Sicherheitsmängeln, keinesfalls nur durch geringfügige Adaptierungsarbeiten abgedeckt werden können.

Der Antrag zur Umwidmung von "Hörsaal 7" in den "Schütte-Lihotzky-Saal" wurde von der Fakultät für Raumplanung und Architektur gestellt, was dieselbige nun geradezu "moralisch" verpflichtet entsprechende Entwurfsvorschläge für eine diesbezügliche Umgestaltung einzureichen. Innerhalb dieses Rahmens sollen Studierende erstmals Gelegenheit erhalten, sich aktiv an der Hörsaalplanung zu beteiligen. Der Planende stellt somit seine eigene Interessensvertretung. Wie also beginnen? In einer von Dr. Alexander Keul geleiteten Blocklehrveranstalltung zur Umweltpsychologie wurde zunächst mittels (Selbst-) Beobachtung eine praktische Evaluation gelungener und weniger gelungener Hörsäle an der TU-Wien durchgeführt. Auf diese Weise wird ein erster empirischer Input für den Entwurfsprozess gewonnen. Ziel der Veranstaltung: Die Erhebung der maximal denkbaren "Nutzerfreundlichkeit" der gebauten Umwelt "Hörsaal". Ergänzend dazu waren Analysen über den zu bearbeitenden Hörsaal 7 zu erbringen. Analysen, die Beleuchtung, Akustik, Materialität, Hörsaaltypologien, wie auch die Beziehung zum Außenraum im Blickfeld hatten.

Aufbauend auf diesem erarbeiteten Wissen, galt es nun, im Rahmen einer im Sommersemester 1998 durchgeführten Entwurfslehrveranstaltung Lösungsansätze zu erarbeiten, welche sich der veränderten Institution "Hörsaal" anzunehmen im Stande sind. Lösungsansätze, die sich sowohl der "sanften Erneuerung", als auch der architektonischen "Großvision" verpflichten konnten. Einschränkungen hinsichtlich der Denkmalpflege, welcher ja sämtliche Bundesgebäude unterstehen, konnten im Hinblick auf eine breitere Entwurfsvielfalt hintangestellt werden. Betrachtet man die nun vorliegende Auswahl an Vorschlägen, so zeichnet sich diese Vorgehensweise unmittelbar ab. Von kleinen fast unmerklichen architektonischen Zeichensetzungen, bis hin zu vorgelagerten Baukörpern und an Computerlayer erinnnernden Schichtungen, deuten die Entwürfe bereits nach Außen hin die denkbaren Veränderungen im Inneren des Gebäudes an. Die daraus resultierende Einwirkung des Hörsaals auf den vorgelagerten Hof scheint dabei ein nahezu durchgängiger Wesenszug, beinahe ein gemeinsamer Nenner zu sein. Dem Hörsaal kommt somit ein gehöriges Potential an Öffentlichkeit zu, welches freilich auch außerhalb der Unterrichtstätigkeit genützt werden könnte. Der Hörsaal als Magnet öffentlicher Veranstaltungen? Der Umstand, daß die oberhalb des Hörsaals 7 befindliche Räumlichkeit einen geräumigen Zeichenraum beherbergt, läßt auch hinsichtlich eines heterogenen Gesamtnutzungskonzeptes manche Zusammenhänge denkbar werden. Die studentischen Entwürfe sehen infolge vor, den Hörsaal wahlweise auch als Ausstellungsraum, Diskussions- und Zeichenplattform umzugestalten.

Die Kernfrage jedoch, was ein Hörsaal denn heute können bzw. leisten soll, und wie eine künftige Gestaltung diesen Anforderungen gerecht zu werden vermag, erscheint im Angesicht einer allzuraschen Technologieentwicklung mehr als problematisch. Schließlich verlieren sich Fragestellungen wie diese zuletzt stets darin, ob es sich beim klassischen Hörsaal nicht gar um ein Auslaufmodell handelt. Der Student, ein Teleteachingkonsument vor dem Internet? Ein Bild das durchaus verstörend wirken kann, und doch wer weiß. In Anbetracht des erzwungenermaßen öffentlichen und qualitativen Anspruchs eines neuen, verbesserten "Unterrichtsraumes", scheint es nicht weiter verwunderlich, daß es nun der Hörsaal ist, um welchen sich die Infrastruktur fügt. Die Wegeerschließung des Gebäudes erfordert eine diesbezügliche Neuformulierung, dabei erweist sich der zunächst scheinbar im Nirgendwo positionierte Hörsaal rasch als Gelenk- und Knotenpunkt zweier bislang stiefmütterlich behandelter "Hinterhöfe". Die solcherart projektierten Erschließungswege machen die alte Gebäudestruktur transparent und gewähren auf diese Weise Einblick in die "Miniaturstadt" Universität.

Hörsaal 7 zeichnet sich zur Zeit vorallem durch eine kaum ausreichende und ungünstige Belichtungssituation aus. Die verhältnismäßig großzügig angelegten Fensterverglasungen sorgen tagsüber zwar für eine gewisse Grundbeleuchtung, doch erweist sich diese aufgrund ihrer Einhüftigkeit und infolgedessen verhältnismäßig hohen Blendung als eher kontraproduktiv. Das Licht bzw. die künstliche Beleuchtung repräsentiert demzufolge ein Kernthema innerhalb des Entwurfsprozesses. Dieser Gewichtung Rechnung tragend, wurde von Beginn der Lehrveranstaltung an auf eine intensive Zusammenarbeit mit der Beleuchtungsfirma Targetti gesetzt. Während des laufenden Entwurfsvorganges konnte in regelmäßigen Abständen auf das Wissen eines Experten in Sachen Beleuchtungsfragen zurückgegriffen werden. Eine entsprechende Ausstattung mit Produktinformationen und einer leihweise vergegebenen Lichtbemessungssoftware rundete diesen sicherlich synergetischen Prozess ab. Einen Prozess innerhalb dessen das "Licht" aus der Rolle des unberechenbaren geheimnisumwitterten Mysteriums in einen durchwegs behandelbaren architektonischen Parameter verwandelt werden konnte. Bleibt zu hoffen, daß der nun Margarethe Schütte-Lihotzky gewidmete Hörsaal in naher Zukunft nach Adaptierung ihrem Namen gerecht wird.