Parasitäre Architektur

Ein Resumee







Zur Begriffsbestimmung

Parasitäre Architekturen sind primär als Eingriff in bereits existierende Strukturen zu begreifen. Als solche übernehmen sie in teils temporärer Form die Rolle eines Katalysators. Sie modulieren, stärken oder schwächen eben jene dazu herangezogenen Primärsituationen. Sie selbst unterliegen dabei in der Regel keiner Veränderung. Sie werden einem chirurugischen Eingriff gleich eingepflanzt bzw. nach Ablauf einer gewissen Zeitspanne wieder entfernt. Für den Zeitraum ihrer Existenz lassen sie räumliche Zusammenhänge neu in Erscheinung treten, verzerren sie oder gehen gar den Versuch ein, Zusammenhänge zu unterwandern. Architektur wird somit zum projektierten und kalkulierten Störfaktor, zu dessen Programm es gehört, letztendlich wieder entfernt zu werden. So bezieht sich die Bezeichnung "parasitär" ausschließlich auf den Charakter jene Einbauten, nicht aber auf ein formentypologisches Repertoire. Architekturen also, die räumliche Wirkung bzw. Raumwahrnehmung zu modulieren versuchen.

Didaktische Aspekte

Es scheint nur allzu offensichtlich, daß bei der Umsetzung eines oftmals aus dem Bauch heraus entwickelten Arbeitsmodells in die gebaute konstruktive Wirklichkeit Schwierigkeiten auftreten und letztlich die fortschreitend detailierte Planung einer steten Wandlung unterliegt. Prozesse, wie sie also beim tatsächlichen Planen und Bauen an der Tagesordnung stehen, müssen nun vorab bereits vom Studierenden behandelt werden. Die Frage des Gelingens eines solchen Vorhabens hängt nicht zuletzt von der Intensität ab, mit der die Aufgabe bearbeitet wird. Faktoren wie Zeit und finanzielle Beschränkungen bzw. Strategien des Sponsorings lassen einzelne Projekte des fallweise zu Gemeinschaftsprojekten werden, welche eine unerwartete Welle an eigendynamischen Geschehnissen zu evozieren vermag. "Halbwahrheiten" und nicht aufgehende vorab implementierte Entwurfsphilosophien werden schlußendlich vom Ergebnis selbst entblößt. So ist es nicht mehr die Qualität der Grafik oder die Wahl des Wortes, welches über Wohl und Weh des Entwurfes entscheidet, sondern das gebaute Objekt selbst. Vorstellungen und Wunschbilder über Wirkung und Dimension können einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.

Der soziale Kontext

Das Verlassen der engen, wenn auch schützenden Laborwände, ermöglicht, erschwert aber auch so Manches. Es kann nicht mehr davon ausgegangen werden, daß etwas "einfach" errichtet wird. Der Planende befaßt sich nun mit einem breiteren Umfeld, welches Entscheidungen mitzutragen gewillt ist. Einem Umfeld also, welches zu verhindern und ein-zu-engen weiß. Der Umgang mit solchen Entscheidungsträgern muß dabei als Prozeß des Lernens betrachtet werden. Je stärker der Eingriff dabei bauliche Substanz angreift bzw. je mehr er sich in die Öffentlichkeit - sprich öffentlich frequentierten Räume vorwagt -, desto mehr ist an Genehmigungen einzuholen. Die Konfrontation mit Verwaltern, Nutzern und Behörden wird somit zum wesentlichen Bestandteil des Arbeitsprozesses.

Fachübergreifende Aspekte

Wie auch bei jedem anderen Bauwerk, welches der öffentlichkeit zugänglich ist, sind auch die hier projektierten Eingriffe vorab einer statischen Überprüfung zu unterziehen. Der Weg zum Institut für Industriebau an der TU-Wien war somit ein vorgezeichneter. So manches Projekt vollzog dabei die Wandlung vom spontanen Arbeitsmodell zur konzeptionellen Konstruktionseinheit. Das vielzitierte Triumvirat Funktion, Konstruktion und Gestalt wird innnerhalb eines solchen synergetischen Arbeitsprozesses so nah als möglich an den Planenden herangetragen.

Charakteristik der Ergebnisse

Grob charakterisiert lassen sich zwei Kategorien der erarbeiteten Projekte ausmachen. Zum einen sind die Entwürfe als Objekte zu betrachten, welche nach einem vordefinierten Ort suchen und zum anderen sind es Projekte, die einem gewählten Ort selbst entspringen. In beiden Fällen jedoch dient die vorgefundene räumliche Situation als Hintergrund für eine zeitliche begrenzte Inszenierung. Inwieweit diese Inszenierung auch tatsächlich ihre anvisierte Wirkung erfüllt, bzw. das vermeintlich evozierte Verhalten mit realen Verhaltensänderungen zur Deckung gebracht werden kann, bleibt dem Außenstehenden überlassen.

Schlußendlich sei daraufhingewiesen, daß die Aufstellung einer größeren Anzahl solcher Architekturen im Maßstab 1:1 nach einer zeitlichen und örtlichen Koordinierung verlangt. Einzelne Positionen, welche sich Tänzern gleich im öffentlichen Raum bewegen, bedürfen einer Choreografie um nicht als "Ausverkaufsware" zu enden. In einer solch gearteten projektierten Konstellation können sie den den kalkulierten Dialog eingehen. Vergleichend mit herkömmlichen Entwurfsübungen, welche sich vorrangig auf den Papier und Modellbereich beschränken, sei noch einmal vor allem jenes Umfeld hervorgehoben, welches gänzlich neue Parameter in das Planen und den Entwurf einbringt. Ein Umfeld, welches sich aus Organisation, Zeitplanung, Genehmigungen und den zahlreichen und unterschiedlichen Beschränkungen zusammensetzt.